Liebe Abiturientinnen, liebe Gäste, gibt es unter Euch, liebe Abiturientinnen, wirklich jemanden, der es nicht getan hat? Ehrlich gesagt, ich glaube nicht – im Gegenteil, ich bin mir sehr sicher, dass Ihr alle in den letzten Monaten Eurer Schulzeit so einige Erfahrungen damit gemacht habt. Die einen haben es wohl regelmäßig genutzt und nicht nur heimlich, sondern auch ganz offiziell im Unterricht, die anderen nur gelegentlich, aber dass jemand völlig die Finger davongelassen hat, kann ich mir kaum vorstellen. Und vermutlich werdet Ihr auch künftig nicht darauf verzichten, denn es ist einfach zu bequem und zu verlockend: Ein Prompt, ein Klick – und das Problem ist gelöst. In Sekundenschnelle verrichtet die Künstliche Intelligenz die Arbeit, formuliert den gewünschten Text, z. B. eine Gedichtinterpretation oder ein Referat. Das bekannteste textgenerierende Tool ist wohl ChatGPT.
Und nun muss ich, obwohl ich die Nutzung von ChatGPT aus guten Gründen im Unterricht mehr als einmal verteufelt habe, gestehen: Auch mir kam dieses Wunderwerkzeug, dieses Zauberding, in den Sinn. Und zwar in dem Moment, als ich mich endlich, endlich, in all dem Schuljahresendstress dazu entschieden habe, an den Schreibtisch zu setzen und für Euch die diesjährige Abitur-Rede zu formulieren: „Schau doch einfach mal nur interessehalber“, so eine Stimme in meinem Inneren, „was die KI denn zustande bringt, wenn man ihr aufträgt, eine Abitur-Rede zu verfassen.“
Das Wichtigste, das alles Entscheidende ist – das wissen wir mittlerweile alle – eines: ein guter Prompt, das heißt also der Befehl, der die KI dazu bringen soll, das zu formulieren, was man eigentlich selbst schreiben könnte und auch selbst schreiben müsste. Richtig wohl war mir dabei nicht, aber ich begann, einfach mal so, diesen Prompt zur Abi-Rede zu tippen:
„Formuliere die Rede der Stufenleiterin zur Abiturfeier 2025 am Bonner Ernst-Kalkuhl-Gymnasium – bitte!“
Bitte? Wieso komme ich auf die Idee, gegenüber der KI höflich sein zu wollen? Naja, zumindest bin ich so auf der sicheren Seite. Man weiß ja nicht, wie sich das alles mit der KI so weiterentwickeln wird. Und: Die Debatte wird ja geführt, weil jedes zusätzliche Wort im Prompt die Energie-Kosten in die Höhe treibt. Man stelle sich mal vor, die ganze Welt würde auf „bitte“ in den Prompts verzichten. Andererseits: KI wird ja immer weiter mit KI trainiert, dann können wir also nur so dafür sorgen, dass der Ton höflich bleibt. Jetzt aber zurück zum Prompt.
„Baue – bitte – zu Beginn der Rede einen Lacher oder eine Frage ein, weil ich natürlich die Aufmerksamkeit der Zuhörenden gewinnen möchte.“
Äh – was schreibe ich denn da, wieso begründe ich jetzt ernsthaft der KI gegenüber, was ich haben will? Wahrscheinlich, weil ich das den Schülerinnen immer sage: Die Argumente zählen in einem Gespräch. Aber ich habe gerade doch gar keinen Gesprächspartner. Egal, wenn ich mich jetzt in der Überlegung verliere, ob die KI ein Gesprächspartner sein kann, komme ich hier zu nichts mehr. Ich muss weiterschreiben. Also: „Formuliere aber bitte, nach Möglichkeit, nichts Seichtes.“ „Nach Möglichkeit“, das gefällt mir jetzt. Ein bisschen Ironie darf doch sein. Und ich bin ja mal gespannt, was die KI unter „nichts Seichtes“ versteht. Ob wir uns da einig sein werden? „Verfasse dann zunächst einen kurzen Rückblick darauf, was die Schülerinnen in den letzten Monaten in der Prüfungszeit geleistet haben, aber vermeide bitte so übliche Wendungen wie ‚zurückgelegter Weg‘ oder ‚Anforderungen gemeistert‘.“
Wäre ja blöd, wenn man sofort denkt, dass der Text KI-generiert ist.
„Bringe bitte Lob und Anerkennung zum Ausdruck.“
Was weiter? Es muss nun etwas persönlicher werden. Schön wäre es ja jetzt, wenn man noch ein paar Insider platzieren könnte, z. B. den Begriff „Umwahlen“, den meine Stufe gegenüber mir so gern in den Mund nahm – und zwar stets nach den Fristen zu den gewünschten Kurswechseln – , nur um meine Stressresistenz zu überprüfen. Oder diese wunderbar kreativen Ausreden für das regelmäßige Zuspätkommen: „Das Fahrrad war zu langsam.“ Oder: „Ich habe noch geschlafen.“ Aber es erscheint mir zu kompliziert und auch irgendwie zu intim, der KI jetzt unsere Insider zu erläutern. Sie ist einfach nicht dabei gewesen, wenn wir morgens vor der ersten Stunde auf der Bank vor der Turnhalle ein kleines Schabernack-Gespräch führten, wenn am Schulfest in Windeseile eigenwillige Waffelrezepte erfunden wurden oder wir über die Absurditäten des Amsterdamer ÖPNVs gelacht haben. Also, weiter im Prompt:
„Überwiegend, also so zu ca. drei Vierteln, soll es in der Ansprache um die Zukunft der Abiturientinnen gehen. Dass sie ihre Wünsche und Träume erkennen und sich für sie ins Zeug legen. Aber dass sie vielleicht nicht nur Zielen hinterherjagen, sondern so leben, wie sie sich das für sich selbst vorstellen und nicht wie es andere von ihnen erwarten. Dass sie Vertrauen in sich haben und Mut, auch wenn nicht alles gelingen wird, sich Manches nicht so einstellen wird, wie erhofft. Auch wenn es dunkle Zeiten geben wird. Formuliere auch die Überlegung, ob allein das Streben nach Selbstverwirklichung reichen kann oder ob eben auch der Blick auf den anderen nötig ist, um ein gutes Leben zu führen, zum Beispiel indem man sich sozial und gesellschaftlich engagiert. Der Text soll nicht belehrend wirken, sondern eher so, dass Raum für eigene Gedanken zur Zukunft eröffnet wird. Formuliere also – bitte, bitte – keine allzu weise klingenden Appelle oder besserwisserischen Imperative, denn das entspräche nicht dem, was ich an dieser Stelle eigentlich gern sagen würde.“ Ohje, ob die KI das hinbekommt? Wie soll das funktionieren? Denn textgenerierende KI macht ja nichts anderes als das: die Wahrscheinlichkeit von aufeinanderfolgenden Wörtern zu berechnen. Aber jetzt weiter im Prompt: „Formuliere bitte in einem amüsanten Ton mit einem gewissen intellektuellen Anspruch, aber dann doch auch nicht zu hochgestochen, so ein Mittelweg wäre ganz gut. Und nutze explizit keine philosophischen Zitate.“ Das wäre es: Wenn die KI dann wohlmöglich mit Kants Zitat um die Ecke käme: Habe Mut, Dich Deines eigenen Textes, äh, nein, Deines eigenen Verstandes zu bedienen. Ja, eine gehörige Portion Ironie wäre das… Und vor allem würden wohl ein paar meiner ehemaligen Philosophie-Schülerinnen entnervt die Augen verdrehen.
„Der Satzbau soll abwechslungsreich sein und am Ende eines Gedankenganges…“
Nein – ertappt, ich denke also auch schon, dass die KI denkt und sogar einen Gedanken zu Ende denkt. Denken? Sofort aufhören jetzt damit.
„In stilistischer Hinsicht soll die Ansprache nicht überfrachtet sein und vor allem keine Allerweltsmetaphern oder billigen Vergleiche enthalten.“
Was denn dann für die KI nicht billige Vergleiche wohl sind – darauf bin ich ja mal gespannt.
„Beende die Ansprache mit einem Glückwunsch zum Abitur und allen guten Wünschen für die Zukunft der Abiturientinnen. Bitte!“ Soweit mein Prompt. Er ist viel zu lang geraten und mein Unwohlsein über das ganze Unterfangen ist auch nicht gerade geschrumpft. Vielleicht wäre es jetzt witzig, vorzulesen, was dabei herauskommt, was die KI ausspuckt, aber ich habe einen anderen Vorschlag: Jede und jeder von Euch Abiturientinnen kann diesen Abitur-Reden-Prompt, sobald er auf unserer Homepage veröffentlicht ist, in seine textgenerierende Lieblings-KI eingeben und bekommt dann eine eigene Abitur-Rede. Jede und jeder von Euch erhält eine einmalige Version.
Vieles davon, was ich sagen wollte, werdet Ihr darin finden und ich hoffe natürlich, dass sich die verdammte KI Mühe geben wird. Aber eine Garantie für die Güte dieser Rede werde ich keinesfalls übernehmen.
Vielleicht wird die so fabrizierte Rede witzig klingen, aber bitte bedenkt dabei: einen Sinn für Humor hat ChatGPT nicht. Vielleicht wird die Rede sehr persönlich formuliert sein, doch lasst Euch nicht täuschen: einen Sinn für das, was uns Menschen zutiefst ausmacht, hat ChatGPT nicht. Vielleicht wird die Rede klug erscheinen, aber: ChatGPT kann nur so klug tun, weil sie auf das zurückgreift, was Menschen gedacht, ersonnen, geschrieben haben.
Und: Vielleicht wird der Algorithmus zum Schluss der Rede formulieren: „Glückwunsch zu Eurem Abitur und für Eure Zukunft alles Gute!“ Allerdings wird diese Formulierung nichts weiter sein als das Produkt einer Wahrscheinlichkeitsberechnung.
Die Wünsche, die ich Euch hier und jetzt mitgeben möchte, kommen jedoch von Herzen. Und sie kommen aus der Erinnerung an das, was wir in den vergangenen Jahren gemeinsam an dieser Schule erlebt haben und wie ich Euch erlebt habe: Meinen herzlichen Glückwunsch zu Eurem Abitur – ich freue mich, jedem und jeder das gleich bei der Zeugnisübergabe noch einmal persönlich sagen zu können.
Für alles, was jetzt vor Euch liegt, Euren eigenen Lebenstext also, wünsche ich Euch Glück und alles Gute!
Annabel Klöcker